Warum ich mit 46 immer noch jeden Montag auf eine Chartliste warte
Es gibt Gewohnheiten, die man nicht mehr los wird, und bei mir ist es diese: Montagvormittag, erster Kaffee, neue Charts. Das mache ich seit über dreißig Jahren. Früher saß ich dafür mit dem Finger auf der Record-Taste vor dem Radio, heute genügt ein Blick auf diese Seite. Der Reflex ist derselbe geblieben.
Man könnte fragen: Wozu noch Charts, wenn jeder Streamingdienst mir jeden Morgen eine persönliche Playlist baut? Die Antwort ist für mich einfach. Der Algorithmus kennt mich zu gut. Er weiß, was ich letzte Woche gehört habe, und serviert mir deshalb mehr davon – eine Endlosschleife aus meinem eigenen Geschmack. Eine DJ-gevotete Chartliste dagegen weiß gar nichts über mich. Sie weiß nur, was in Clubs und Radiosendungen gerade tatsächlich funktioniert. Das ist eine völlig andere Information, und eine viel wertvollere: Sie zwingt mich, Dinge zu hören, die ich mir selbst nie vorgeschlagen hätte.
Mit 46 hört man anders Musik als mit 16, das gebe ich zu. Ich muss nicht mehr jede Woche eine neue Lieblingsband haben. Aber gerade deshalb schätze ich das Format Chartliste: dreißig Positionen, überschaubar, kuratiert von Menschen, die beruflich zuhören. Wenn ein Titel dort achtzehn Wochen durchhält, hat das mehr Gewicht als achtzehn Millionen Streams – denn es bedeutet, dass echte DJs ihn achtzehn Wochen lang immer wieder aufgelegt haben, vor echtem Publikum, das hätte gehen können und geblieben ist.
Deshalb diese Seite. Nicht weil die Welt eine weitere Chartseite braucht, sondern weil ich glaube, dass kuratierte Listen das bessere Gegengift gegen die Beliebigkeit sind. Der Montagskaffee schmeckt jedenfalls besser mit ihnen.
Von Simon Frank
Plattenladen statt Playlist – ein Münchner Ritual
Ungefähr einmal im Monat, meistens samstags, gehe ich in München in den Plattenladen. Nicht weil ich muss – fast alles, was dort steht, könnte ich in Sekunden streamen. Ich gehe hin, weil das Hören dort anders funktioniert.
Beim Streamen bin ich ein ungeduldiger Mensch. Dreißig Sekunden, weiter, dreißig Sekunden, weiter. Im Laden dagegen habe ich bezahlt, bevor ich die Platte zu Hause auflege, und plötzlich bekommt ein Album, das mich nach einem Durchlauf noch nicht überzeugt hat, einen zweiten und dritten Versuch. Manche meiner liebsten Platten der letzten Jahre waren genau solche Fälle: Käufe, die sich erst in der dritten Woche entschieden haben, mich nicht mehr loszulassen. Ein Algorithmus hätte sie nach dem ersten Skip aussortiert – ich hatte zwanzig Euro Gründe, es nicht zu tun.
Dazu kommt das Personal. Ein guter Plattenladen ist eine Chartliste mit Gesicht: Was vorne im Regal steht, hat jemand dort hingestellt, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als Musik zu sortieren – im Zweifel die ehrlichste Empfehlung, die man für Geld nicht kaufen kann. Die Wahrscheinlichkeit, mit etwas nach Hause zu gehen, das ich nicht gesucht habe, liegt bei fast hundert Prozent. Genau das ist der Punkt.
Ich will das Streaming nicht verteufeln, ich nutze es täglich, und ohne Streaming gäbe es die halbe Vielfalt in unseren Charts nicht. Aber wer nur noch streamt, überlässt die wichtigste Entscheidung – was höre ich als Nächstes? – einer Maschine, die für Verweildauer optimiert, nicht für Begeisterung. Der Plattenladen ist meine monatliche Erinnerung daran, dass es auch anders geht. Wenn Sie in München oder anderswo einen in der Nähe haben: Gehen Sie hin. Die Läden brauchen uns, und wir sie.
Von Simon Frank
NEU heißt nicht neu – eine kleine Gebrauchsanweisung für DJ-Charts
Wer zum ersten Mal auf unsere Charts schaut, wundert sich manchmal über zwei Dinge. Erstens: Da stürzt ein Titel um zwanzig Plätze ab – ist der plötzlich schlecht geworden? Zweitens: Da steht „NEU“ neben einem Song, der laut Wochenspalte schon in der zwölften Woche dabei ist. Beides hat denselben Grund, und der lohnt eine kurze Erklärung.
DJ-gevotete Charts beruhen nicht auf Verkäufen, sondern auf den wöchentlichen Meldungen einzelner DJs. Das ist eine viel kleinere, aber auch viel entschiedenere Datenbasis. Wenn eine Handvoll DJs einen Titel eine Woche lang nicht spielt – weil ein neues Album erschienen ist, weil Festivalsaison ist, weil eine Platte schlicht durchgespielt ist –, rauscht er ab oder fällt ganz heraus. Kommt er die Woche darauf zurück, steht „NEU“ daneben, obwohl er ein alter Bekannter ist: ein Wiedereinsteiger. Die Wochenspalte verrät die wahre Geschichte.
Deshalb mein Rat: Lesen Sie diese Charts nicht wie ein Thermometer, sondern wie ein Logbuch. Ein Absturz um zwanzig Plätze ist kein Qualitätsurteil, sondern Alltag in einem kleinen, lebendigen System. Interessant sind die anderen Muster – die Titel, die sich Woche um Woche halten, obwohl niemand sie halten muss. Und die kleinen Labels und Selbstvertriebe, die hier regelmäßig neben den großen Namen stehen: In der Labelspalte steckt oft die eigentliche Entdeckung.
Unsere wöchentliche Chart-Analyse nimmt Ihnen einen Teil dieser Lektüre ab – Aufsteiger, Absteiger, Longrunner, auf einen Blick. Aber das Selberlesen ersetzt sie nicht. Ein Logbuch liest man am besten selbst.
Von Simon Frank